DB 642 147 am ehem. Betriebswerk Freilassing, am 25. Mai 2026.
25. Mai 2026
10 Fotos
Der Siemens Desiro Classic: Die Baureihe 642 der Deutschen Bahn
Um die Jahrtausendwende stand der Regionalverkehr in Deutschland vor einem großen Umbruch. Veraltete, lokbespannte Züge und ältere Schienenbusse sollten auf Neben- und Vorortbahnen durch moderne, wirtschaftliche Fahrzeuge ersetzt werden.
Die Deutsche Bahn bestellte zu diesem Zweck im Juni 1996 die ersten Einheiten einer neuen Fahrzeugfamilie von Siemens: den Desiro Classic, eingereiht als Baureihe 642. Der reguläre Fahrgasteinsatz begann im Jahr 2000.
Leichtbauweise und Flexibilität
Der Triebzug wurde konsequent für den rationellen Regionalbetrieb konzipiert. Die Baureihe 642 ist als zweiteiliger, dauerhaft gekuppelter Triebwagen ausgeführt. Eine Besonderheit liegt in der Konstruktion des Wagenkastens, der in selbsttragender Aluminium-Leichtbauweise aus Strangpressprofilen gefertigt ist. Die markanten Fahrzeugköpfe bestehen aus Glasfaserverstärktem Kunststoff (GFK) und sind auf das Untergestell aufgeklebt.
Dank integrierter Scharfenbergkupplungen lassen sich bis zu drei Einheiten im Verbund steuern (Mehrfachtraktion), was eine schnelle Anpassung an schwankende Fahrgastzahlen ermöglicht.
Antrieb und Fahrwerk
Für den Vortrieb sorgen zwei autarke Antriebsanlagen, die unter den hochflurigen Fahrzeugbereichen hinter den Führerständen untergebracht sind. Zum Einsatz kommen Sechszylinder-Dieselmotoren mit Abgasturboaufladung und Ladeluftkühlung (unter anderem von MTU oder MAN) mit einer Leistung von je 275 kW bis zu 360 kW, je nach Lieferserie.
Die Kraftübertragung erfolgt dieselmechanisch über ein Fünfgang-Automatikgetriebe inklusive integriertem hydrodynamischen Retarder direkt auf das jeweils äußere Triebdrehgestell. Die beiden Wagenteile teilen sich in der Mitte ein gemeinsames Laufdrehgestell (Jakobs-Drehgestell). Die zulässige Höchstgeschwindigkeit beträgt 120 km/h.
Fahrgastkomfort und Barrierefreiheit
Ein zentrales Merkmal des Desiro Classic ist sein hoher Niederfluranteil von rund 60 Prozent. Mit einer Einstiegshöhe von 575 mm über Schienenoberkante erlaubt das Fahrzeug an modernen Bahnsteigen einen stufenfreien Zugang. Im großzügigen Mehrzweckbereich im Niederflurteil befinden sich Klappsitze, die Platz für Rollstühle, Kinderwagen oder Fahrräder bieten. Hier ist zudem eine barrierefreie Universaltoilette untergebracht. Die klimatisierten Fahrgasträume bieten je nach Ausführung rund 100 bis 120 Sitzplätze in der ersten und zweiten Wagenklasse.
Fazit
Die Baureihe 642 hat das Erscheinungsbild des modernen Nahverkehrs auf nicht-elektrifizierten Strecken entscheidend geprägt. Obwohl der Bestand bei der DB Regio durch Neuausschreibungen im Laufe der Jahre zurückgegangen ist, bleibt der Desiro Classic aufgrund seiner Zuverlässigkeit und Flexibilität ein bewährtes Standardfahrzeug im deutschen und europäischen Regionalverkehr.
Die Reihe 5022 der ÖBB
Die ÖBB haben ab dem Jahr 2003 insgesamt 60 Stück dieser zweiteiligen Dieseltriebwagen beschafft, um im dortigen Regionalverkehr ältere Fahrzeuge abzulösen. Wenn man heute in Österreich – zum Beispiel auf nicht-elektrifizierten Strecken in der Steiermark (siehe Fotos aus Bad Waltersdorf), in Kärnten (Foto aus Wolfsberg) oder im Dieselnetz rund um Wiener Neustadt – in einen solchen Zug einsteigt, sitzt man in einem Zwilling der deutschen Baureihe 642.
Die wichtigsten Unterschiede zur DB-Variante
- Fahrzeugdesign: Die ÖBB-Variante trägt das klassische rot-weiße "Schrägdesign" (auch als "CityShuttle"-Lackierung bekannt) und hat teilweise eine leicht modifizierte Inneneinrichtung.
- Zugsicherung: Für den Einsatz in Österreich sind die Fahrzeuge natürlich mit den dortigen länderspezifischen Zugsicherungssystemen (Indusi/PZB 90) ausgerüstet.
- Motorisierung: Die ÖBB-Züge wurden ab Werk mit den leistungsstärkeren MTU-Dieselmotoren (je 275 kW oder 315 kW) ausgestattet, um auch auf den topografisch anspruchsvolleren, österreichischen Mittelgebirgsstrecken gut voranzukommen.
Einsatz bei der MÁV (Ungarn)
Auch in Ungarn ist der Siemens Desiro Classic ein bekanntes Gesicht, allerdings unter einer anderen Nummer. Die ungarische Staatsbahn MÁV führt die Fahrzeuge als Baureihe 426 (früher liefen sie dort als Reihe 6342).
- Stückzahl und Beschaffung: Die MÁV hat zwischen 2003 und 2006 insgesamt 31 Einheiten dieses Typs beschafft. Das war genau zur selben Zeit, als auch die ÖBB ihre Flotte geordert haben.
- Das ungarische Design: Die Triebwagen tragen die typische Lackierung der MÁV im Nahverkehr: Eine markante rot-graue Farbgebung mit auffälligen, gelben Frontpartien rund um die Führerstandsfenster.
- Einsatzgebiet: Sie wurden primär für den Vorortverkehr rund um Budapest angeschafft, um alte, unwirtschaftliche Züge abzulösen – beispielsweise auf der unregelmäßig ausgelasteten Strecke nach Esztergom oder Lajosmizse. Später wanderten einige Einheiten auch in andere Landesteile ab (z.B. an den Balaton).
- Technik: Wie die österreichischen Kollegen sind die ungarischen 426er mit den leistungsstärkeren MTU-Dieselmotoren ausgerüstet, um im Pendelverkehr zügig zu beschleunigen.
Siemens Desiro Classic im Modell
Für den Modellbahn-Bereich ist der Siemens Desiro Classic ein extrem dankbares Thema. Das Fahrzeug wurde nämlich in den wichtigsten Spurweiten hervorragend umgesetzt – und das Schöne ist: Wer die Baureihe 642 konstruiert hat, konnte dank der Design-Verwandtschaft die ÖBB-Reihe 5022 meist direkt als Formvariante hinterherbeordern.
Spur H0 (Maßstab 1:87) – Der Platzhirsch von PIKO
In der Nenngröße H0 hat sich vor allem PIKO als absoluter Standard-Lieferant für den Desiro Classic etabliert. Das Modell gehört zur dortigen "Classic"-Serie und gilt unter Modellbahnern als sehr gelungenes und robustes Fahrzeug.
- Konstruktion: Das Modell verfügt über einen präzisen Antrieb mit Schwungmasse, eine Schnittstelle für Digitaldecoder (oft die bewährte 8-polige NEM 652) und eine serienmäßig eingebaute Innenbeleuchtung.
- Variantenvielfalt: PIKO nutzt die Form perfekt aus. Es gibt den Triebwagen nicht nur in der klassischen verkehrsroten DB-Ausführung (Epoche V und VI), sondern auch in unzähligen Privatbahn-Varianten (wie trilex, bwegt, NordWestBahn, Vogtlandbahn oder der dänischen Lokaltog).
- Der ÖBB-Zwilling: Auch die ÖBB-Reihe 5022 hat PIKO im Programm (z.B. unter den Artikelnummern 52092 für Gleichstrom und 52292 für Wechselstrom). Das Modell trägt das exakte rot-weiße CityShuttle-Design und fängt die Frontpartie des Vorbilds sehr gut ein.
- PIKO hat die ungarische Variante ebenfalls im Maßstab 1:87 (H0) realisiert. Durch das auffällige Farbkleid mit der gelben Front ist das MÁV-Modell (oft unter Epoche VI beschriftet) ein echter Exot und Farbtupfer auf der Anlage, der sich optisch stark vom deutschen Verkehrsrot unterscheidet.
- Systeme: PIKO bedient traditionell beide Fraktionen – es gibt die Triebwagen ab Werk sowohl für das 2-Leiter-Gleichstromsystem (DC) als auch für das 3-Leiter-Wechselstromsystem (AC, mfx-kompatibel).
Wenn ein Modellbahner also internationalen Regionalverkehr nachstellen möchte, bietet die Desiro-Familie von Siemens über DB, ÖBB und MÁV hinweg die perfekte und vor allem vorbildgetreue Basis.
Hinweis: Falls Du im Handel über Neuheiten von Märklin oder Trix stolperst, die als "Desiro" deklariert sind: Dabei handelt es sich meist um den Desiro HC (High Capacity, z.B. im bwegt-Design oder RRX). Das ist ein komplett moderner, teils doppelstöckiger Elektro-Triebzug, der außer dem Namen optisch und technisch nichts mehr mit dem klassischen Dieseltriebwagen der Baureihe 642 zu tun hat.
Spur TT (Maßstab 1:120) – Die Umsetzung von Tillig
In der Spur TT liegt die Lizenz für den Desiro Classic beim Traditionshersteller Tillig.
- Das Modell: Tillig hat die Baureihe 642 filigran im Maßstab 1:120 umgesetzt. Die Fahreigenschaften des Modells werden in Foren oft für ihre Laufruhe gelobt. Auch hier sorgt eine Digitalschnittstelle (meist Next18 oder PluX bei neueren Auflagen) für eine einfache Digitalisierung. Die fahrtrichtungsabhängige Beleuchtung (weiß/rot) sowie eine filigrane Nachbildung der Inneneinrichtung sind Standard.
- Varianten: Ähnlich wie PIKO in H0, bietet auch Tillig wechselnde Auflagen in verschiedenen Epochen an – von der frühen DB Regio-Ausführung bis hin zu modernen Privatbahnen wie der Erzgebirgsbahn.
Vorbildtreue
Viele Modellbahner schätzen am PIKO- oder Tillig-Modell, dass den Packungen spezielle Kupplungsdeichseln beiliegen. Damit lässt sich die vorbildgetreue Mehrfachtraktion – also das Zusammenkuppeln von zwei Desiros zu einem langen Zugverband – auch auf der Modellbahnanlage spielend leicht nachstellen.
Spur N (Maßstab 1:160) – Die Perfektion von Fleischmann
In der Spurweite N hat Fleischmann den Desiro Classic (Baureihe 642) als echtes Vorzeigemodell im Programm.
- Konstruktion: Das Modell (oft unter der Basis-Artikelnummer 7420 geführt) zeichnet sich durch ein schweres Metalldruckguss-Fahrgestell aus, das in beiden Fahrzeugteilen verbaut ist, was dem leichten Triebzug eine hervorragende Stromabnahme und satte Gleislage beschert. Angetrieben wird er von einem Motor mit Schwungmasse auf zwei Achsen.
- Kupplung und Details: Die beiden Wagenteile sind – genau wie beim Vorbild – über das kulissengeführte Jakobs-Drehgestell kurzgekuppelt. Für die Fahrzeugenden liegen dem Modell spezielle Adapter mit einem NEM-355-Schacht sowie Fleischmann PROFI-Kupplungen bei, damit Du auch im Maßstab 1:160 problemlos die typische Mehrfachtraktion nachstellen kannst.
- Elektrik & Digital: Der Desiro verfügt ab Werk über eine fahrtrichtungsabhängige LED-Spitzenbeleuchtung (3x weiß / 2x rot). Ältere oder analoge Varianten besitzen eine 6-polige Digitalschnittstelle nach NEM 651, während modernere Auflagen auch direkt mit Sounddecoder angeboten werden. Eine Innenbeleuchtung lässt sich nachträglich einbauen.
- Varianten: Neben der verkehrsroten DB Regio-Ausführung (Epoche V und VI) hat Fleischmann auch immer wieder markante Privatbahn-Versionen aufgelegt, wie zum Beispiel den blau-gelben RegioJet oder Einheiten der Connex Verkehr GmbH.
Spur G (Schmalspur / Gartenbahn) – Der seltene Riese von LGB
Bei der Spur G wird es kurios und historisch interessant.
- Das Modell (Art.-Nr. 20690): LGB hatte tatsächlich einmal einen modernen Regelspur-Triebwagen im Programm! Der Triebwagen wurde unter der Artikelnummer 20690 als "DB Triebwagen VT 642" in der Epoche V geführt.
- Die Dimensionen: Das Modell war ein gewaltiger Brocken mit einer Gesamtlänge von stolzen 1.060 mm (über einen Meter!). Er besaß eine vorbildgetreue Lackierung und Bedruckung der DB AG.
- Der Haken (Produktionsstatus): Dieses Modell wird seit vielen Jahren werkseitig nicht mehr produziert! Es stammte noch aus der Zeit vor der Insolvenz/Übernahme von LGB und kam zu einem damals extrem günstigen Preis auf den Markt. Es war konstruktiv sehr einfach gehalten und gilt heute auf dem Gebrauchtmarkt als absolute Rarität, die teilweise deutlich über dem damaligen Neupreis gehandelt wird.
Da die Spur G von LGB eigentlich eine Schmalspurbahn (Maßstab 1:22,5 auf 45-mm-Gleisen) darstellt, war der Desiro im Grunde ein "normalspuriges" Fahrzeug auf Schmalspurgleisen (also im Prinzip Spur IIm). Das tat dem Spielspaß im Garten aber keinen Abbruch, da er trotz seiner immensen Länge erstaunlich kurvengängig konstruiert war.
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